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1919-1938: Die Grazer Urania
Der erste „hauseigene“ Urania-Vortrag fand am 11. Oktober 1919 durch Karl Rosenberg zum Thema „Licht und Schatten, die Lehre vom Licht“ im Rittersaal des Grazer Landhauses statt. Es folgten regelmäßige Abendveranstaltungen in mehreren Bereichen:
- Sprach-, Lehr und Handfertigkeitskurse
- Volkstümlich-wissenschaftliche Einzelvorträge: Die Referenten kamen aus ganz Europa, Japan und den USA. Unter ihnen befanden sich Sven Hedin, Clemens Holzmeister, Max Planck und Erwin Schroedinger.
- Kunstpflege: Darunter verstand man Lesungen – unter anderem mit Paula Grogger, Franz Nabl und Gerhart Hauptmann –, Musik und Gymnastik. Besonderen Zulauf erhielten die Kammermusikabende mit dem „Streichquartett der Grazer Urania“, das sich zuletzt aus Rudolf Wagner, Gerhard Ilming, Viktor Stephanides und Hans Kortschak zusammensetzte. Sie prägten das Image der Grazer Urania nachhaltig und bedeuteten eine erste Abkehr von der ursprünglichen technisch-naturwissenschaftlich orientierten Urania-Idee.
- Schüler- und Kinderveranstaltungen
- Wissenschaftliche Filmvorführungen: Diese begannen 1921 nach Wiener Vorbild mit einem Film über die Südpolarexpedition Sir Ernest Shackletons.
- Studienreisen: Es begann mit intellektuellen Wanderungen und Ausflügen. Die erste Studienreise führte im Frühjahr 1924 nach Padua, Florenz, Rom und Venedig.
Dazu kamen die Teilnahme an volksbildnerischen Tagungen und der Verlag von Druckschriften und Lehrbehelfen. Das Veranstaltungsprogramm wurde über die „Mitteilungen des Volksbildungshauses Grazer URANIA“ verbreitet, und stieß auf großes Publikumsinteresse. In der Zwischenkriegszeit wies die Urania zwischen 7.000 und 12.000 Mitglieder auf. Das Echo der öffentlichen Stellen auf diese Volksbildungsarbeit war hingegen unterschiedlich. Während Bundespräsident Michael Hainisch 1924 der Urania ein Anerkennungsschreiben zum fünfjährigen Bestehen übersandte, beschloss die Steiermärkische Landesregierung im gleichen Jahr die Vorschreibung einer Lustbarkeitsabgabe für Urania-Veranstaltungen. Blättert man heute durch den Urania-Almanach, der 1924 zum fünfjährigen Bestandsjubiläum erschien, so wird einem die ungeheure Spannweite des wissenschaftlichen Selbstverständnisses dieser frühen Volksbildner bewusst. In seinem Vorwort setzt sich der Biologe Karl Linsbauer als Mitglied des Urania-Präsidiums ohne große Worte mit der Bankrotterklärung auseinander, die Alfred Döblin im Jahr davor aus seinen Kriegserfahrungen heraus über die Naturwissenschaften ausgesprochen hatte. Dabei verweilt Linsbauer nur kurz bei der Frage der philosophischen Relevanz von Ernest Rutherford, Max Planck und Albert Einstein, bevor er Döblin auf dessen eigenem – humanistisch-literarischem – Feld Parole bietet, sich dabei Immanuel Kant und Leonardo da Vinci als Verbündete holt, um schließlich gemeinsam mit Wolfgang von Goethe den großen Brückenschlag zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu versuchen. Das größte Problem der Grazer Urania war jedoch, dass sie im Gegensatz zu den meisten ihrer Schwesterorganisationen kein eigenes Haus besaß und mit ihren Veranstaltungen bei anderen Institutionen unterkommen musste. 1922 ging die Urania mit der Forderung nach einer Heimstätte an die Öffentlichkeit. Der Grazer Gemeinderat beschloss in seiner Sitzung vom 22. September 1922, der Urania ein Grundstück an der Mur nahe der Radetzkybrücke kostenlos zur Bebauung zu überlassen. Eine Bausteinaktion sollte die Finanzierung gewährleisten. Doch die Inflation der folgenden Jahre dezimierte die Spendengelder auf einen Bruchteil der ursprünglichen Summe und das Projekt konnte nie realisiert werden.
Anfang der 30er-Jahre kam es im Urania-Präsidium zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem christlichsozialen und dem deutschnationalen Flügel, aus denen der letztere als Sieger hervorging. Direktor Fritz Gernot band die Urania zwischen 1934 und 1938 eng in das Netz nationalsozialistischer Institutionen ein, konnte aber dennoch nicht verhindern, dass sie 1938 amtlich aufgelöst und als „Volksbildungsstätte Graz“ der Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ in das „Deutsche Volksbildungswerk“ eingegliedert wurde.